Interview mit Werner Dabringhaus im VDT Magazin 04/2021

… denn es macht richtig Spaß!

Im Jahr 1978 gründeten die beiden Diplom-Tonmeister Werner Dabringhaus und Reimund Grimm das Klassik-Label MDG. Innerhalb kürzester Zeit galten sie bei der Fachpresse als audiophiles Label. Immer offen für bessere klangliche Performance haben sie die ersten CDs in Europa veröffentlicht, später die weltweit erste DVD-Audio, die auch schon mit 3D-Klang aufwartete. Die Erfindung des 2+2+2 RECORDING wurde mit dem Audiophile Reference Award ausgezeichnet – das Patent wurde vom Galaxy-Studio übernommen und wurde Basis der Auro-Technologie. Werner Dabringhaus berichtet aus den über 40 Jahren Produktionserfahrung.


Wie kam es zu der Idee, ein eigenes Label zu gründen?
Grundig TK 46
Schülers Traum: Grundig TK 46, im Zentrum das magische Auge
Mit sechs Jahren zerrte mich meine Mutter zum Vorsingen in die Wuppertaler Kurrende, einem Knabenchor, ganz in sächsischer Tradition. Wir hatten mit Franz Schneider einen Chorleiter, der lange Zeit Assistent von Rudolf Mauersberger beim Dresdener Kreuzchor war. Das führte schließlich dazu, dass ich mit 12 Jahren so gut wie alle Bach-Motetten im 2. Sopran und zudem auswendig auf dem Schulweg daher pfeifen konnte. Meine Eltern wollten mir in bester Absicht eine Fotoausrüstung schenken – es dauerte viel Überzeugungskraft, bis ich schließlich statt Agfa Klick ein TK23 von Grundig erhielt. Einziger Wermutstropfen: Es war nur ein Monogerät, und daneben stand doch auch ein TK46 Koffergerät, in Stereo und mit Endstufen (2 × 3 Watt)! Kurz, der Tausch wurde genehmigt und die Anweisung in der Bedienungsanleitung zur Vergrößerung der Stereowirkung (ja, das klappte!) und eine bessere Wiedergabe das Gerät in einer Raumecke zu platzieren, hatte sicher schon Auswirkung auf später…
Plötzlich hieß es, die Kurrende dürfe gleich zwei Schallplatten für Philips aufnehmen: Das war natürlich hochspannend, einmal die großen Mikrofongalgen, das geheimnisvolle Mischpult, die fetten Lautsprecher und die riesigen freien Bandwickel. Und dann der fremde Herr, der durch den Lautsprecher unserem verehrten „Franz“ Anweisungen gab, die dieser auch prompt befolgte. Ein aus heutiger Sicht unvorstellbarer Akt war, dass dieser Tonmeister zum Unterbrechen des Gesangs den Rücksprechknopf drückte und mit dem Bleistift am Schwanenhals rubbelte.
Später habe ich viele Konzerte des Chores mit der TK46 unterm Arm aufgenommen, bis endlich eine Revox A 77 noch mehr Spaß bringen sollte. Die Ära Philips war zu Ende, die nächsten Schallplatten – ich glaube, ich sang schon in den Männerstimmen – wurden von einem technisch ganz gut gerüsteten (Revox), aber musikalisch wenig hilfreichen Amateurproduzenten gemacht mit – wie ich fand – mäßigem klanglichen Ergebnis und hörbaren Schnitten. Das war für mich ein Grund, Tonmeister zu werden.

Das heißt, Sie haben das Studium schon mit der Idee der späteren Selbständigkeit begonnen?
Ja, das stimmt. Ich hatte ja in Ehrfurcht vor der Aufnahmeprüfung zunächst ein Anglistik- und Romanistik-Studium begonnen, kam aber schnell darauf, dass ich als geborene Nachteule niemals morgens den Schülern entgegen treten könnte.

Sie haben in Detmold studiert. Wie kam es, dass Sie sich mit Reimund Grimm zusammen geschlossen haben?
D&G, 1977
Reimund Grimm und Werner Dabringhaus, 1977
Etwa in meinem zweiten Semester sind wir mit einer Horde Tonmeisterstudenten zur Tonmeistertagung nach München gefahren. Natürlich mussten wir Norddeutschen zum Weißwurschtessen in der Augustiner Braustube antreten. Und: Sie musste morgens um 11 Uhr gezuzelt sein – das war eigentlich meine Marmeladenbrot Zeit. Plötzlich waren wir zwei allein: „Was willst Du denn mal machen?“ – „Na ja, ich stelle mir vor, für Chöre, Organisten oder Laienmusiker professionelle Aufnahmen anzubieten, da scheint es Bedarf zu geben“ – „Ja, das kann ich mir auch vorstellen“.

Das war‘s dann?
Revox A700 oben Revox A700 seitlich
Mit der A 700 von Studer/Revox konnten wir unsere ersten Aufnahmen machen. Das Gerät hat ein eingebautes Mischpult mit 4 symmetrischen Mikrofoneingängen (Regler in der Mitte) und einem Summenregler ganz links. Es war möglich eine Phantom-Spannungsquelle zu integrieren, so dass wir auch die notwendigen 48 Volt an die Kondensatormikrofone liefern konnten. Außerdem war es möglich durch einen weiteren Umbau zusätzlich zu den 4 Mikrofoneingängen noch ein weiteres Mischpult anzuschließen.
Ganz links ist eine zuschaltbare Geschwindigkeitsregelung, falls z.B. bei a cappella Aufnahmen zwei Chortakes in der Tonhöhe nicht ganz passten. (Wurde aber tunlichst vermieden, da jeder Kopiervorgang ja mit Klangverlusten verbunden war.)
Rechts war ursprünglich noch eine Sprecheinheit integriert zur Kommunikation mit den Künstlern.
Ja. Wir hatten das Glück, dass wir über einen befreundeten Organisten eine ganze Reihe von Jobs bekommen konnten, Oratorienmitschnitte, Chorproduktionen, Orchesteraufnahmen für ein Schuljubiläum, parallel begannen wir mit der Gesamteinspielung von Messiaens Orgelwerken und wir hatten eine hinreißende Rossini-Messe aufgenommen. Inzwischen hatte ich eine Revox A700, ziemlich cooles Teil mit eingebautem Mischpult, symmetrischen Mikrofoneingängen und selbst zugerüsteter Phantomspeisung. Damit haben wir einige Jahre aufgenommen, zumal man mit einer Trickschaltung auch zusätzlich ein Mischpult anschließen konnte. Es wurde uns von Walter Derrer, der unmittelbar nach dem Studium zu Studer wechselte, ein frisch entwickeltes 169-Pult 8 auf 4 leihweise zur Verfügung gestellt. Viele werden den „Mann mit der Pfeife“ noch kennen – er hat auch später immer wieder jungen Tonmeistern in ähnlicher Weise geholfen – großartig! Mit diesem Set haben wir auch schon unsere erste Mahlersinfonie aufgenommen – es war die Dritte mit Knabenchor (sic) und Solistin und den Wuppertaler Sinfonikern unter Hanns-Martin Schneidt. Die Wuppertaler Stadthalle war damals noch nicht so hübsch zurecht gemacht wie heute, aber die Akustik begeisterte uns.
Die Pressung der beiden LPs hatten wir bei Philips machen lassen, davon versprachen wir uns eine wesentlich bessere Qualität, denn alles sollte ohne Dynamikeinengung im Naturklang auf die Scheibe kommen.

Sie haben also mit der LP begonnen?
Ja klar – es gab ja nichts anderes – die MC kam natürlich aus Qualitätsgründen nicht in Frage.
Allerdings waren wir nie ganz zufrieden mit dem Klang, der sich deutlich von unserem Masterband unterschied. Ich weiß nicht mehr, wie viele Tonabnehmersysteme ich mir zugelegt habe. War natürlich klar, dass die immerhin 3–5% K3 des voll ausgesteuerten Tonbandes in der Kombination mit dem unangenehmen K2 der Platte zum hörbaren Problem führte.

Heute ist die LP wieder gefragt…
Ja schon, aber auf sehr niedrigem Niveau – wir jedenfalls entdeckten, dass die Digitaltechnik viel präziser unsere fein abgestimmten räumlichen Mischungen wiedergeben konnte – das machte sich auch beim Klang der LPs bemerkbar, die ja mit dem neuen DMM-Verfahren eigentlich Direktschnitt-Qualitäten erreichte.

Wie wurde MDG denn ein audiophiles Label?
Cover Barbershop Songs
Das originale LP-Cover der Barbershop Songs
Durch Zufall: Freunde hatten ein Herrenquartett gegründet, um auf dem Hochschul-Sommerfest einige Barbershop Songs zum Besten zu geben: faszinierende, harmonisch sehr anspruchsvoll frisierte acappella-Musik. Die Lutherkirche in Detmold gab den vier Schmelzstimmen ihre natürliche Akustik- Aura – und es sollte schließlich eine Schallplatte werden. Leider mit dem Nachteil, dass nur ca. 20 Minuten Spielzeit (bei üblichen ca. 40 Minuten) aufgenommen werden konnten. Was tun? Für eine LP zu wenig, für eine Single zu viel. Wir haben aus der Not geboren eine LP mit 45 U/Min hergestellt, diese auch noch in Halfspeed Recording, so dass der Schneidstichel noch sorgfältiger die Rillen schneiden konnte, und das sogar bei höherem Aufsprechpegel. Wir dachten, die Leute werden die Platte bestimmt mit der falschen Geschwindigkeit abspielen. In Wirklichkeit wirbelte oft die nachfolgende Scheibe zu schnell. Jedenfalls wurden wir ob dieser klanglichen Sensation von der HiFi-Szene zur Kenntnis genommen.
Die Audiophilen wurden dann neben den reinen Klassikliebhabern eine weitere unserer Zielgruppen. Im Jahr 1988, als der CD-Player in den 80er Jahren die breite Masse erreicht hatte, haben wir den Klangsampler Pasticcio produziert, eine klassische Klangsammlung der unterschiedlichsten Besetzungen, die zur Test-CD zum Einmessen der heimischen Musikanlage avancierte und musikalisch wohl viel Spaß machte. Das ist unsere meist verkaufte CD geworden. Kürzlich noch, zum 40-jährigen Jubiläum der Zeitschrift AUDIO, wurde sie von der Redaktion noch einmal als Cover Mount CD ausgewählt.

Sie haben alle Technologie-Umbrüche von der Schallplatte bis jetzt erfahren…
Cover New Dimension
Die DVD-Audio Breakthrough into a New Dimension
Ja. Wir haben die Digitaltechnik sehr begrüßt: Sie war zwar immens viel teurer, doch endlich klangen die Aufnahmen so wie unsere Mischung. Klar, dass wir sofort zugriffen, als uns angeboten wurde, CDs in Japan fertigen zu lassen. Dass wir damit die ersten in Europa sein würden, konnten wir nicht wissen. Als die CDs bei unserem Vertrieb ankamen, wussten die Kollegen gar nicht, was das ist. Und wir mussten uns auch erst einen CD-Player kaufen, um sie selber anhören zu können. Diese Titel haben sich so eingeprägt bei den Händlern, dass sie bis heute im Repertoire sind.
Es kam, wie es kommen musste: Der Run setzte ein, und wir haben ca. zwei Jahre lang keinen Nachschub bekommen. Das änderte sich erst, als erste Presswerke in Europa entstanden.
Ähnlich erging es uns mit der DVD-Audio. Durch Zufall waren wir auch damit weltweit die ersten. Die Blockade – vor allem der Majors – beruhte auf fehlendem Kopierschutz. Wir haben irgendwann entschieden, dass unser Klassikprogramm Kopierschutz genug sei und unseren Klangsampler Breakthrough into a New Dimension gepresst – übrigens mit 2+2+2 Recording für 3D-Wiedergabe und einem umfangreichen Einstellprogramm für die heimische Anlage.

Kann man diese DVD-A noch bekommen?
Ja, aber es wird noch spannender: Wir haben testweise zusammen mit unseren Partnern von Sonopress als Experiment etwa 50 Hybrid-DVD-A herstellen lassen, bei der eine DVD-A (Schumann Klavierkonzert mit Christian Zacharias) mit einer CD zusammen gebacken wurde. Die Präsentation auf der MIDEM hat für riesige Furore gesorgt. Leider funktionierte die Wiedergabe nicht zuverlässig, weil zu viele Player beliebig entweder die CD oder die DVD-A spielten. Da fehlte leider irgend ein internes Schalterchen. Aber der Versuch war es wert, und die allgemeine Aufregung hat viel Spaß gemacht.

Heute produzieren Sie SACD…
Ja, aber die nächste Überraschung sollte die HD-Audio werden, die wir fix und fertig in der Tasche hatten, als es dann kurz vor der Präsentation auf der Midem hieß, dass die Industrie dieses Format nicht weiter verfolgt. Das sind so Momente…, zumal diese Scheibe bereits alle acht Kanäle unseres 2222+ Recording speichern konnte. Und das in lupenreiner HD-Qualität.
Immerhin konnten wir 2012 den ersten Bluray-Audio Sampler Diabolo mit unseren 8-Kanal-Klangbeispielen auf der Classical Next in Wien präsentieren. Dank unerhörter Lizenzgebühren leider kein Format für Klassik.
Schließlich hat sich die SACD, allerdings bis heute ausschließlich im Klassikbereich, durchgesetzt. Es gibt immer noch leichte Steigerungsraten. Für uns hat sie den Vorteil, dass wir nicht über Abspielmöglichkeiten diskutieren müssen, gleichzeitig können wir aber als Bonus den 3D-Klang mitliefern.

Wie ist es denn zur Entwicklung des 2222+ RECORDING gekommen?
2+2+2+2
2+2+2 Kreis 2+2+2+2 Kreis
Die Aufstellung der Lautsprecher ist sehr einfach: Ausgehend von der Surround-Aufstellung werden Stereo- und Hinten-Lautsprecher auf dem Kreis platziert. Genau oberhalb der vorderen (und der hinteren) Lautsprecher wird in halber Basisbreite das dritte Paar hinzugefügt. Einmal elektrisch am Hörplatz auf denselben Pegel eingestellt, können alle 2+2+2 RECORDING-Aufnahmen unmittelbar abgespielt werden.
Die Quadrophonie floppte in den 70er Jahren, zu teuer, zu problematisch waren die vier Kanäle in einer LP-Rille, die mit Stereo schon an ihre Grenzen kam. Noch dazu ästhetische Probleme, die EMI verteilte die vier Spieler eines Streichquartetts auf die vier Lautsprecher. Das hat auch die wohlmeinendsten Klassikliebhaber verstört. Damals hatte Klaus Hirschmann die Idee, die vier Lautsprecher vorne zu platzieren. Er mischte das Orchester quasi im Graben auf die Stereoboxen, die Sänger auf zwei vorne-oben Lautsprecher, sie standen damit auf der Bühne. Verblüffend durchhörbar, dieses oben und unten!
Als dann die Mehrkanaligkeit produktreif wurde, war ich überzeugt, es würde 3D werden – alle stürzten sich aber auf die Kino-Konfiguration 5.1. Daraufhin haben wir Versuche gemacht, die herkömmliche 2+2-Quadro-Aufstellung (2 vorne, 2 hinten) mit einer zusätzlichen 2+2-Konfiguration oben zu ergänzen. Das klang ganz erstaunlich, es war möglich den Raum in allen drei Dimensionen abzubilden und dazu die Klangquellen präzise zu orten, mit dem erfreulichen Zusatzeffekt, dass der Sweetspot keinerlei Rolle mehr spielte. Was für ein Gewinn, vor allem für mehrchörige Werke…

Nun hat die SACD aber nur sechs Kanäle…
Stimmt. Und diese sind technisch identisch, also nicht auf 5.1 limitiert. Wir haben davon profitiert, dass die meiste Musik vor uns erklingt. Das wiederum bedeutet, dass schon drei Paar Stereolautsprecher für eine realitätsnahe Wiedergabe reichen. Schaltet man von 2+2+2 auf Quadrophonie oder Stereo um, rutscht das Klangbild zweidimensional in die Fläche. Eine sehr enttäuschende Erfahrung. Center und vor allem der in der Lautstärke beliebige Subwoofer als Effektkanal machen in der Klassik keinen Sinn, so dass wir auf diese Kanäle komplett verzichten zugunsten zweier elevierter Kanäle.
Damit die Hörer zu Hause diese 2+2+2-Aufnahmen auch auf ihren 5.1-Sets abspielen können, versehen wir die beiden obere Kanäle vorne mit einem sanften Hochpass . Das hört man nicht, bringt aber den Subwoofer zur vornehmen Zurückhaltung und macht die Wiedergabe kompatibel.

Benutzen auch andere Label Ihre Erfindung?
Wäre durchaus möglich gewesen. Tatsächlich hatten wir mit diesem 2+2+2 Format lange ein Alleinstellungsmerkmal. Das passte zu unserem audiophilen Image. Inzwischen gibt es einige Label, die 2+2+2-Aufnahmen im Programm haben. Und nicht zuletzt ist unser Format ja 1:1 in Wilfried van Baelens Auro 3D eingegangen, wobei er die technischen Möglichkeiten geschaffen hat, die für Filme wichtigen Center und Subwoofer wieder zusätzlich ins Spiel zu bringen.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Künstler und Künstlerinnen aus?
Sie müssen spannend musizieren und ein interessantes Repertoire anbieten. Es geht uns nie darum, eine Partitur mal eben „darzustellen“. Das mag zwar untadelig sein, aber interessant wird es für den Hörer erst, wenn sich eine Livehaftigkeit einstellt, eine musikalische Reise, bei der man nicht auf Pause drücken will, um etwas Anderes zu machen. Und es ist einfach faszinierend, mit den Musikern neue Partiturschätze zu erarbeiten, die eine Bereicherung des Repertoires sind, und deren Interpretation im besten Sinne „eigenwillig“ ist.

Das heißt, Sie gestalten den Katalog im Dialog mit den Künstlern?
D&G, 1977
Reimund Grimm und Werner Dabringhaus, 1996
Unbedingt – wir sind ja ein Künstlerlabel mit recht vielen Exklusivvereinbarungen, die zur Folge haben, dass wir gemeinsam die jeweilige Diskografie entwickeln. Das ist eine wichtige Funktion eines Labels.

Und es findet ein aktiver Künstleraufbau statt?
Ja, sicher. Musiker und Ensembles brauchen eine Agentur und eine Präsenz im Medienmarkt. Der Tonmeister hat auf der einen Seite das musikalische Herz und das musikalische Fachwissen, auf der anderen Seite ist er technisch ausgebildet. Als Labelinhaber müssen wir darüber hinaus die Verbindung in die kommerzielle Ebene des Vertriebs übernehmen. Das ist eine ganz andere Welt, weit weg von musikalischen Inhalten – das mussten wir auch erst lernen.

Wie sieht eine Vertriebsstruktur aus?
Der Vertrieb hat die Aufgabe in den jeweiligen Ländern die Produktionen an die Fachgeschäfte oder Mailorder Firmen zu distribuieren. Dazu gehört Pressearbeit, Bemusterung der Rundfunkanstalten, aber auch Sonderaktionen, wenn ein Künstler in dem Land eine Tournee plant. Unseren ersten Auslandvertrieb bekamen wir 1980 in der Schweiz – inzwischen sind unsere Aufnahmen längst weltweit erhältlich.

Welche Vorteile hat der Künstler von einem Tonmeister-geführten Label?
Sie sprechen mit demjenigen, der von der inhaltlichen Planung und Durchführung der Aufnahmen, Wahl des Aufnahmeortes, Nachbearbeitung, Vorbereitung der Booklet-Inhalte und Covergestaltung bis hin zur Auslieferung, Vermarktung und Werbung alles überblickt. So können von Anfang an die Weichen für eine erfolgreiche Produktion gemeinsam gestellt werden – und wir können die von uns gewohnte Qualität garantieren.
Fazit: Der Künstler kann sich auf seinen persönlichen Ansprechpartner verlassen und gewinnt nebenbei viel Zeit, um zum Beispiel zu üben.

Welchen Einfluss hat das Streaming auf Ihr Label?
Werner Dabringhaus 2021
Werner Dabringhaus, 2021
In welcher Form und über welche Kanäle eine Aufnahme den Markt erreicht, ist erst mal unerheblich. Ein Kanal kann das Streaming sein. Das Problem, das Streaming hat, möchte ich mit Worten von Dr. Peter Hanser-Strecker vom Schott Verlag zitieren: Streaming ist die Enteignung der Rechteinhaber. Das ist so erschütternd, weil es wahr ist.

Was müsste sich ändern, damit Musiker und Musikerinnen wieder Geld verdienen können?
Sie sollten wieder Konzerte spielen dürfen, das ist aktuell das größte Dilemma. Die Gesellschaft muss lernen, dass Musik einen Wert hat, für den man bereit sein sollte, eine Entlohnung zu erwägen. Das Musik-Business muss von der Politik ernst genommen werden. Es muss allen bewusst sein, welche gesellschaftliche Bedeutung unser kultureller Hintergrund darstellt. Wir sollten unser kulturelles Erbe pflegen und bewahren und möglichst unversehrt an die nächste Generation weitergeben. Das ist ein wichtige Funktion und ein Auftrag, den wir als Label-Inhaber haben.
Und seien wir mal ehrlich: Musik ist eine äußerst friedliche und Völker verbindende Weltsprache. Toll, dass wir uns damit befassen dürfen. Denn es macht richtig Spaß!

mit freundlicher Genehmigung von Elke Wisse und VDT Magazin